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Ist das begreifbar oder nicht?

Donnerstag, 7. April 2022 um 10:53

Von Bernd Niquet

Ich weiß nicht, ob es Schicksal war, doch wenige Wochen bevor der jetzige Völkermord in der Ukraine begann, war ich darauf gekommen, mir den Film „Shoah“ anzuschauen, der mit großer Akribie in neun Stunden die Vernichtung der Juden durch deutsche Bürokraten und Schlächter dokumentiert.

Und immer wieder bin dabei darauf gestoßen, dass Zeitzeugen, die selbst dabei waren und den Gräueltaten entkommen sind, hinterher sagten, sie könnten das alles nicht begreifen.

In diesem Moment habe ich jedoch gedacht: Ich kann das begreifen. Es ist fürchterlich, entsetzlich, ein großes Verbrechen, genau wie das, was jetzt gerade in der Ukraine abläuft, doch ich kann es begreifen.

Warum können anscheinend diejenigen, die am dichtesten dran waren, das nicht? Wie erklärt sich das?

Am klarsten tritt das bei Jan Karski auf, dem Gesandten der polnischen Exilregierung, der dem damaligen US-Präsident Roosevelt die Vernichtung der Juden in Polen persönlich geschildert hat.

Roosevelt hat das nicht interessiert, er hat nicht einmal nachgefragt. Und Karski sagt: I was a machine. Er habe sein Programm abgespult und berichtet, was er zu berichten hatte. Er habe es aber nicht begriffen.

In einem Zusatzfilm zu „Shoah“ erläutert Karski das dann näher und versucht es zu erklären. Er war ja später dann Universitätsprofessor in den USA und sagt, er habe mit seinen Studenten über die schlimmsten Kriegsverbrechen gesprochen, über Mord, Vergewaltigung, Folter – das alles gehöre ja zum Menschsein dazu.

Doch Menschen fabrikmäßig umzubringen, dafür gäbe es kein Beispiel und wofür es kein Beispiel gibt, das könne man auch nicht begreifen.

Ich halte das allerdings nicht für schlüssig. Ich denke, so etwas gilt nur für Dinge, die in jeder Hinsicht völlig neu sind, also wenn beispielsweise Wesen eines anderen Planeten auf die Erde kämen und sich in allen Dimensionen von uns unterscheiden würden. Sie könnte dann unser Verstand nicht erfassen.

Die einzige Lösung, die ich für dieses Paradox habe, ist, dass es also anscheinend zwei verschiedene Arten des Verstehens und Begreifens gibt, dass hier eine Schutzfunktion im menschlichen Gehirn existiert.

Das, was so schrecklich ist, dass der Mensch nicht in der Lage ist, es zu verarbeiten, das blockt das Gehirn ab. Das nimmt es nur rudimentär und in irgendeiner verschlüsselten Form zur Kenntnis.

Ich habe mich mit diesem Thema bereits seit mehr als dreißig Jahren beschäftigt, weil es ja in der Psychoanalyse ganz ähnliche Situationen gibt, nämlich dass Menschen Erlebnisse zwar im Kopf mitbekommen haben, sie jedoch gefühlsmäßig nicht erleben konnten, weil auch hier eine Sperre existiert.

Daher ist es dann das Ziel der Psychoanalyse, Situationen herzustellen, in denen es dem Patienten möglich ist, das vorher nicht Erlebte doch noch zu erleben. Im Normalfall fallen dann auch seine psychischen Probleme früher oder später weg.

Beim Karski-Fall und dem anderer Juden scheint die Sache jedoch anderes zu liegen. Hier hat nicht nur das Gefühl abgeblockt, sondern sogar der Verstand.

Und es wird zu beobachten sein, wie das bei den Menschen in der Ukraine jetzt läuft. Denn der Westen und unser Land in vorderster Linie werden ja weiterhin passiv an dem Völkermord mitwirken und das Fernsehen wird weiterhin live über das unmenschliche Verhalten der Russen berichten.

Wir werden also ALLE ALLES sehen. Doch ob auch hier das Begreifen im umgekehrten Verhältnis zur Entfernung zum Geschehen steht? Werden unsere glorreichen westlichen Führer die Tatsache der gefesselten und geschundenen Leichen von Butscha und den vielen anderen Orten, die demnächst in die Schlagzeilen geraten werden, leichter begreifen als die sich vor Ort befindlichen Ehepartner der Toten?

Ich fürchte ja, genauso wird es sein. Deswegen ist unsere Welt ja auch so, wie sie ist. Und auch deshalb natürlich, weil man das, was man für Vernunft hält, als den Emotionen überlegen ansieht.

 

Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet

 

******* Von Bernd Niquet ist ein n e u e s Buch erschienen *******

Bernd Niquet, „Jenseits des Geldes. SIEBENTER TEIL“, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2021, 635 Seiten, 22 Euro

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In Kleists Drama "Penthesilea" geht es um den Konflikt zwischen einem gefühlsintensiven Individuum und der gesellschaftlichen Ordnung, die diesen Gefühlen entgegensteht. Penthesilea, die Königin der Amazonen, erobert im Kampf Männer, um sie zur Zeugung neuer Kriegerinnen mitzunehmen. Nach vollzogenem Zeugungsakt entlässt sie die Männer wieder in die Freiheit. Nur ihrem Geliebten stellt sie nach, was diesen letztlich sein Leben kostet. Kann es sein, dass ich in meinem Leben mehrmals nur haarscharf an vielem aus dieser Tragödie vorbeigeschrappt bin? Und dann ist ja auch noch Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist nur unweit meiner Wohnung freiwillig aus dem Leben geschieden.

Bernd Niquet ist Jahrgang 1956 und wohnt am wunderschönen grünen Rand seiner ansonsten mittlerweile ungeliebten Heimat Berlin. Die vorangegangenen sechs Teile von „Jenseits des Geldes“ sind ebenfalls im Engelsdorfer Verlag erschienen und zwar in den Jahren 2011, 2012, 2013 sowie 2018, 2019 und 2020.

Der obige Text spiegelt die Meinung der jeweiligen Autoren wider. Instock übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche rechtliche oder sonstige Ansprüche aus.

 

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