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Neue Inflationssorgen

Donnerstag, 2. September 2021 um 22:58

Von Thomas Grüner
Die vorläufigen Zahlen für den August 2021 zeigen einen Anstieg der Verbraucherpreise im Euroraum von 3,0 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit wurde der höchste Wert seit 2011 erreicht und viele Anleger treibt erneut die Sorge um, dass eine ausufernde Inflation großes Unheil für die Kapitalmärkte heraufbeschwören könnte.

Deutschland steht im Mittelpunkt der anhaltenden Inflationssorgen: Bereits am Montag hatte das Statistische Bundesamt eine Inflationsrate von 3,9 Prozent vermeldet. Neben einer breit auftretenden Verteuerung der Energiepreise wiesen Analysten hierzulande vor allem auf die wohlbekannten Lieferkettenprobleme hin. Diese wirken sich in der Industrie negativ auf die Produktionsmenge aus und treiben die Preise in die Höhe, da das begrenzte Warenangebot eine Konkurrenzsituation für die Abnehmer schafft. Angesichts dieser anhaltenden Probleme sehen viele Analysten den Punkt erreicht, dass der Inflationsanstieg nicht mehr als „vorübergehend“ bezeichnet werden kann.

Inflationsängste relativieren

„Vorübergehend“ bedeutet auch nicht, dass eine aktuelle Problemstellung bereits morgen behoben sein muss – es handelt sich viel eher um ein zeitlich begrenztes Phänomen. Aktuelle Engpässe implizieren nicht, dass die Preise Monat für Monat ansteigen. Beispielsweise haben viele Hersteller in der deutschen Autoindustrie aufgrund des Halbleitermangels ihre Arbeitsschichten reduziert, was einigen Unternehmen einen zweistelligen prozentualen Rückgang bei den Neuwagenauslieferungen bescherte. Würde sich die Produktion in den nächsten ein oder zwei Jahren auf einem relativ konstanten Niveau bewegen, könnten in der Zwischenzeit neue Halbleiter-Produktionsstätten entstehen und das globale Angebot ausweiten. Somit würde diese Entwicklung natürlich keinen exponentiellen Preisanstieg nach sich ziehen, sondern die Lieferengpässe als Einmaleffekte entlarven. Diese schlagen sich in einer Jahresbetrachtung nieder, sobald sie jedoch aus dem Zeitfenster fallen, gestalten sich die Inflationsraten wieder moderater.

Diese Argumentation basiert auf der stark vereinfachten Annahme, dass sich alle anderen Einflussfaktoren nicht verändern – was in der Realität niemals so auftritt. In den USA konnte man jedoch bereits beobachten, dass riesige Preiserhöhungen nicht einfach in die Zukunft fortgeschrieben werden sollten, gerade wenn sie von der Angebotsseite getrieben werden. Der Halbleitermangel wirkte sich auch in den USA heftig auf die Neuwagenproduktion aus, weshalb viele Käufer auf den Gebrauchtwagenmarkt auswichen. Diese erhöhte Nachfrage trieb die Preise dynamisch nach oben. Die Gebrauchtwagen-Komponente in der US-Inflation stieg im April 2021 auf Monatssicht um 10,0 Prozent an, weitere 7,3 Prozent im Mai und 10,5 Prozent im Juni. Allerdings stabilisierten sich im Juli die Gebrauchtwagenpreise und stiegen nur noch um 0,2 Prozent an. Auf Jahressicht stehen zwar gewaltige 41,7 Prozent zu Buche, neuer Preisdruck ist dennoch nicht zu vermuten.

Fazit: Lieferkettenprobleme belasten unter Umständen den Geldbeutel, aber sie qualifizieren sich nicht als „echte Inflation“. Eine breit angelegte Inflation beeinflusst die Preisbildung in der gesamten Wirtschaft und trifft Güter und Dienstleistungen gleichermaßen. Preise werden über einen langen Zeitraum stetig in die Höhe getrieben – wie in den 1970er Jahren. Diesen Zustand könnte eine Zentralbank mit ihrer Geldpolitik bekämpfen – es liegt allerdings nicht in der Macht einer Zentralbank, temporäre Verzerrungen des Verbraucherpreisindex zu verhindern.

Fragen zum Beitrag beantworte ich gerne per E-Mail an feedback@gruener-fisher.de.

Thomas Grüner
ist Gründer und Vice Chairman der Vermögensverwaltung Grüner Fisher Investments. Weitere Informationen unter www.gruener-fisher.de.


Der obige Text spiegelt die Meinung der jeweiligen Autoren wider. Instock übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche rechtliche oder sonstige Ansprüche aus.

 

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